Die Oder - Schlesiens wilder Strom

Expeditionen ins Tierreich - NDR/ Studio Hamburg - 2005


Weit geht der Blick von der Burg Stary Jicin über das mährische "Kuhländchen" im äußersten Osten Tschechiens. Wer die Burg besaß, so hieß es, hatte die Macht über die alte Handelsstraße. Schon vor über 1.000 Jahren wurden über die Mährische Pforte Waren von Nord nach Süd transportiert, Bronze etwa oder das Gold der Ostsee, der Bernstein. Nicht weit davon, tief verborgen in den Wäldern der westlichen Sudeten, entspringt das Flüsschen Oder. An ihren Ufern tummeln sich Fischotter, in den Wäldern leben Wölfe und Luchse. Im ausgehenden Winter wetteifern Birkhähne in spektakulären "Turnieren" um die Gunst der Hennen.

In ihrem Oberlauf macht die Oder ihrem Namen alle Ehre: Das Wort Odra, wie der Fluss in Tschechien genannt wird, stammt aus dem Sanskrit und ist eine altindische Bezeichnung für Flüsse, die ihren Lauf fortwährend verändern. In der Mährischen Pforte liegen zahlreiche kleine Teiche entlang des Flusslaufs. Viele von ihnen wurden, beginnend im 14. Jahrhundert, von Mönchen als Fischzuchtgewässer angelegt. Rau erklingen die Rufe der balzenden Fischreiher aus der großen Kolonie, und in der Biberburg wächst Nachwuchs heran.Wenn die Oder das Schlesische Tiefland zwischen Opole und Wroclaw (Breslau) erreicht, hat sie viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren.

Wo früher Auwälder die Ufer säumten, zwängt sie sich heute durch ein enges begradigtes Bett. Zahlreiche Schleusen und Wehranlagen dienen den Interessen der Schifffahrt. Im Sommer 1997 hatte das katastrophale Folgen: In nur vier Tagen fiel in den Beskiden elf mal so viel Regen wie sonst im gesamten Juli. Die Nebenflüsse ließen die Oder zu einem wilden Strom anschwellen, den das enge künstliche Bett im Tiefland nicht fassen konnte. In Breslau - mitten im einstigen Überflutungsraum gelegen - brachen vielerorts Deiche, und das Wasser überflutete 60 Prozent der Stadt. In stimmungsvollen Landschafts- und Tieraufnahmen dokumentiert der Film, das Leben in und an der Oder zwischen Sudeten und Neiße, erinnert in Rückblicken an die Flutkatastrophe von 1997 und setzt sich kritisch mit dem geplanten Flussausbau zwischen Breslau und der deutschen Grenze auseinander.